
Miriam Georg führt uns mit „Die Verlorene“ nach Schlesien. Entstanden ist ein eindrucksvolles Familienepos, das Vergangenheit und Gegenwart kunstvoll miteinander verwebt und dabei große Themen wie Krieg, Schuld, Liebe, Vertreibung und Trauma behandelt.
Ausgangspunkt der Geschichte ist die Gegenwart: Nach dem Tod ihrer Großmutter Änne entdeckt Laura, dass diese ihr Leben lang geschwiegen hat – über ihre Kindheit, die Kriegsjahre und sogar über eine Zwillingsschwester. Gemeinsam mit ihrer Mutter begibt sich Laura auf eine Reise ins heutige Polen, um Antworten zu finden. Doch Änne lebt nicht mehr, und vieles lässt sich nur noch erahnen.
Parallel dazu führt die zweite Erzählebene ins Jahr 1944. Auf einem schlesischen Gutshof wachsen die Zwillingsschwestern Änne und Luise unzertrennlich auf. Als bei Änne Epilepsie diagnostiziert wird, verstecken die Eltern sie aus Angst vor der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Politik. Isoliert von der Welt erlebt Änne das Leben nur durch die nächtlichen Besuche ihrer Schwester – bis Luises verbotene Liebe zu einem russischen Kriegsgefangenen alles ins Wanken bringt.
Der stetige Wechsel zwischen den Zeitebenen ist ein großer erzählerischer Gewinn. Während Laura in der Gegenwart tastend nach der Wahrheit sucht, weiß die Leserschaft längst mehr über die tragischen Ereignisse der Vergangenheit. Diese Spannung verleiht dem Roman Tiefe und emotionale Wucht. Gleichzeitig schaffen die Passagen in der Gegenwart immer wieder Luft zum Atmen, sodass die Schwere der historischen Themen nie erdrückend wirkt.
Miriam Georg schreibt atmosphärisch dicht, einfühlsam und klar. Besonders eindrucksvoll sind die Schilderungen des schlesischen Gutshoflebens sowie die Beschreibung des heutigen, wiederaufblühenden Polens, das dem Roman eine stille Schönheit verleiht.
„Die Verlorene“ ist ein bewegender Roman über Erinnerung und Schweigen, über familiäre Bande und über das, was Krieg über Generationen hinweg zerstört. Wer fesselnde Familiengeschichten mit historischem Hintergrund liebt und sich von starken Emotionen nicht scheut, findet hier eine eindrucksvolle und lange nachhallende Lektüre.
„Die Verlorene“ von Miriam Georg
S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-7587-0030-9, 512 Seiten