
Über Sachbücher zu sprechen und dabei Neugier zu wecken, ist oft eine besondere Herausforderung. Schließlich beruhen sie auf Fakten, ihr Inhalt scheint – zumindest auf den ersten Blick – bereits festgelegt. Besonders deutlich wird das bei Biografien, und erst recht dann, wenn es über die porträtierte Person bereits unzählige Veröffentlichungen gibt. Umso bemerkenswerter ist es, wenn ein Buch dennoch überrascht, fesselt und begeistert. Florian Illies gelingt genau das mit Wenn die Sonne untergeht.
Anlässlich des Thomas-Mann-Jahres widmet sich Illies in diesem Buch der Familie Mann und einem entscheidenden Sommer ihres Lebens: dem Jahr 1933 in Sanary-sur-Mer. Mit der Machtübernahme Hitlers wächst die Bedrohung für Künstler und Intellektuelle. Thomas Mann jedoch weigert sich zunächst, diese Gefahr anzuerkennen. Nobelpreisträger, Repräsentant deutscher Hochkultur, moralische Instanz – er glaubt, sein Rang werde ihn schützen. Doch innerlich beginnt es zu bröckeln.
Illies zeichnet Thomas Mann als zutiefst zerrissene Figur. Zwischen Loyalität zu seinem Heimatland und der moralischen Verantwortung, öffentlich Stellung gegen das NS-Regime zu beziehen, schwankt er lange. Die Angst vor dem Verlust seines Ruhms, seiner Leser und seiner Publikationsmöglichkeiten lähmt ihn. Während seine Kinder ihn drängen, Deutschland den Rücken zu kehren, klammert er sich an die Hoffnung, unbeschadet durch diese Zeit zu kommen. Sanary wird zum Schauplatz dieses inneren Konflikts – und zum Ort eines Exils, das die Familie in diesem Moment noch nicht als endgültig begreift.
Neben Thomas Mann richtet Illies den Blick auch auf die anderen Mitglieder der Familie: auf den leidenschaftlichen Bruder Heinrich, auf die pragmatische und starke Katia Mann und auf die Kinder, die um die Zuneigung des Vaters ringen und deren Leben von dieser emotionalen Kälte nachhaltig geprägt werden. Ihre später oft tragischen Biografien schimmern bereits in diesen sommerlichen Wochen durch.
Sanary ist in jenen Jahren zudem ein Treffpunkt zahlreicher Schriftsteller und Intellektueller. So begegnen wir in Illies’ Erzählung auch Aldous Huxley, Lion Feuchtwanger und anderen Exilanten. Diese Begegnungen verleihen dem Buch eine zusätzliche Lebendigkeit und verankern die Geschichte der Familie Mann in einem größeren literarischen und historischen Kontext.
Wie man es von Florian Illies kennt, basiert das Buch auf intensiver Recherche. Doch Fakten präsentiert er nicht trocken oder belehrend. Vielmehr verbindet er sie mit feinem Humor, mit Anekdoten und kleinen, oft amüsanten Beobachtungen. Beim Lesen entsteht mitunter das Gefühl, mit dem Autor selbst am Kaffeetisch in Sanary zu sitzen und seinen Geschichten über Nachbarn, Bohemiens und literarischen Klatsch zu lauschen. Diese Plauderlust macht die Lektüre ebenso unterhaltsam wie erkenntnisreich.
Ob ausgewiesene Thomas-Mann-Kenner hier grundlegend Neues erfahren, mag dahingestellt sein. Doch als atmosphärisches, faktenreiches und zugleich äußerst lesbares Buch überzeugt Wenn die Sonne untergeht auf ganzer Linie. Florian Illies ist erneut ein Sachbuch gelungen, das sich liest wie ein Roman – klug, lebendig und voller historischer Nähe. Eine klare Leseempfehlung.
Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary
S. FISCHER Verlag, ISBN: 978-3-10-397192-7 , 336 Seiten