„Die Beichte einer Nacht“ von Marianne Philips

Ich las diesen Roman im Frühjahr 2021, zugegeben weil ich Titel und Cover so ansprechend fand und ich war mit dem ersten Satz gefesselt:

„Ich setze mich zu Ihnen, Schwester. Das ist nicht erlaubt, ich weiß. Aber ich mache es trotzdem – ich habe so lange nicht mehr auf einem Stuhl gesessen, an einem Tisch mit einer Lampe darauf. Verstehen Sie, warum man Verrückte ins Bett steckt, als wären sie krank?“ (S. 7)

So beginnt der Monolog der Protagonistin, in dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt, die in einer Tragödie endet. Ein Monolog, der eine Beichte ist.

Ihr Name ist Heleen und sie ist die älteste Tochter einer protestantischen Arbeiterfamilie Anfang des letzten Jahrhunderts. Sie wächst mit ihren neun anderen Geschwistern in einem kleinen niederländischen Dorf auf. Ihr Vater ist ein Tyrann, der krankheitsbedingt ans Bett gefesselt ist, so dass die Mutter arbeiten muss, und Heleen die Pflichten im Haushalt und die Erziehung ihrer Geschwister übernehmen muss. Insbesondere muss sie sich um die jüngste Schwester Lientje, eine Nachzüglerin, kümmern. Zeitgleich macht sie eine Ausbildung zur Schneiderin und träumt von einem besseren Leben.

Heleen ist eine sehr schöne Frau und ihr Aussehen bringt ihr die Aufmerksamkeit verschiedener Männer ein. Eines Tages begegnet ihr im Dorf ein Handelsvertreter, der ihr Arbeit als Schneiderin in der Stadt besorgt. Ihr Weg führt sie weiter und sie wird zuerst Verkäuferin und dann Managerin der Luxusartikelabteilung in einem großen Kaufhaus. Als sie den deutlich älteren und wohlhabenden Charles Gould heiratet, gibt sie die Karriere für ihn auf. Die beiden lassen sich scheiden und Heleen ist wieder auf sich selbst gestellt. Da sie nun auch ihre jüngste Schwester Lientje bei sich aufnehmen muss – die Mutter ist gestorben – , bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich wieder als Schneiderin zu verdingen.

Dann lernt Heleen Hannes kennen. Er ist Lientjes Schwimmlehrer und die beiden verlieben sich ineinander. Hannes ist Heleens große Liebe. Doch er ist einige Jahre jünger als sie selbst und bald nagen Selbstzweifel und Eifersucht an ihr.

Als Leserin hatte ich die Rolle der Nachtschwester eingenommen und hörte mir Heleens Beichte an, ahnte, dass alles auf eine große Katastrophe hinauslaufen wird und hoffte doch, dass es ein gutes Ende für die sympathische Frau nehmen wird. Wohlwissend, dass dies nicht der Fall sein kann, denn sie hält ihren Monolog in einer „Irrenanstalt“. Immer wieder überkam mich das Gefühl, dass sie nicht weitererzählen soll, dass dann das „Schlimmste“ nicht passieren wird, aber ich konnte sie einfach nicht unterbrechen, ich konnte nicht aufhören zu lesen!

Marianne Philips hat ein eindringliches, tiefenpsycholgisches Portrait über eine Frau geschrieben. Sie legt Heleens Qualen schonungslos offen und ich habe wirklich bis zum Ende gebangt, dass doch alles gut ausgeht.

Wenn man jetzt auch noch weiß, dass dieses Buch bereits 1930 geschrieben wurde und erst gut 80 Jahre später wiederentdeckt und auch ins Deutsche übersetzt wurde, um so beeindruckender. In dieser Zeit war es zum einen eher untypisch, dass Frauen überhaupt als Schriftstellerin tätig waren. Noch seltener kam es vor, dass Frauen dann auch noch über komplexe psychische Prozesse schrieben. Marianne Philips schrieb mehrere Romane und Novellen und war auch als Politikerin tätig. Allerdings war ihr als Jüdin ab 1940 untersagt, beides weiterfortzuführen. Unter anderem führten wohl diese Gründe dazu, dass sie in Vergessenheit geriet. Ein Glück für uns, dass diese Autorin wiederentdeckt wurde!

„Die Beichte einer Nacht“ von Marianne Philips
Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-61142-7, 288 Seiten