
Mit seinem Roman Disko entführt Till Raether die Leserinnen und Leser mitten hinein in die Bundesrepublik der 1970er Jahre – in eine Zeit, in der München nicht nur als heimliche Hauptstadt galt, sondern auch als internationaler Hotspot der Discoszene. Diese vibrierende Partyhauptstadt bildet die Kulisse für einen Roman, der weit mehr ist als eine nostalgische Zeitreise.
Till Raether, bekannt als Journalist und Autor zahlreicher Romane – insbesondere der Krimireihe um Adam Danowski – zeigt hier eine ganz andere Facette seines Schreibens. Disko ist kein Kriminalroman, doch Spannung erzeugt Raether auch hier mit großer Souveränität.
Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Beeke, die in der norddeutschen Provinz aufwächst. Nach dem Tod der Mutter bricht das fragile Familiengefüge endgültig auseinander: Der Vater trinkt, Beeke trägt Verantwortung für ihre jüngeren Schwestern, und die Großmutter herrscht mit rigiden, von nationalsozialistischem Gedankengut geprägten Vorstellungen über den Alltag. Aus Angst, dieser Last nicht gewachsen zu sein, fasst Beeke einen mutigen Entschluss: Sie will ihren älteren Bruder Gerald suchen, der vor anderthalb Jahren aus dem Elternhaus geflohen ist.
Frühmorgens um fünf steht Beeke mit einem Kissen, einem Englischbuch und dem Foto ihres Bruders an der Landstraße. Ihr Ziel: München. Dort soll Gerald – inzwischen „Jerry“ genannt – als Disco-Produzent arbeiten. Was genau das bedeutet, weiß Beeke nicht. Doch sie ist überzeugt, dass er die Familie retten kann.
Was folgt, ist ein Roadmovie voller Begegnungen: LKW-Fahrer mit zweifelhaften Absichten, hilfsbereite Fremde, eine Clique Jugendlicher, die sie zunächst verspottet und ihr schließlich doch den Weg in die Münchner Diskoszene weist. Beeke schlägt sich durch – naiv, furchtlos und erstaunlich selbstständig.
Das München der 70er Jahre pulsiert. Der „Munich Sound“, Songs wie Donna Summers Love to Love You, Baby oder Fly, Robin, Fly von Silver Convention begleiten die Lektüre wie ein akustischer Hintergrundfilm. Till Raether gelingt es hervorragend, diese Zeit mit feinem Gespür für Atmosphäre und Details lebendig werden zu lassen. Gemeinsam mit Beeke streifen wir durch die angesagtesten Clubs der Stadt – immer auf der Suche nach dem Bruder.
Parallel entfaltet sich in Rückblenden eine dunkle Familiengeschichte, die bis in die letzten Kriegsmonate in Hamburg zurückreicht. Sie zeigt, wie sehr die Vergangenheit das Leben der Nachkriegsgeneration vergiftet hat. Erzählt wird diese Geschichte aus der Perspektive der erwachsenen Beeke, die sich direkt an ihren Bruder wendet – erklärend, reflektierend, mit dem Wissen von heute. Denn zwischen den Geschwistern muss sich damals in München etwas ereignet haben, das zu einem tiefen Bruch führte.
Disko ist weit mehr als ein nostalgisches Porträt der glamourösen Disco-Ära. Es ist ein Roman über das Schweigen, über Lebenslügen, über Schuld und die Last der Vergangenheit. Raether erzählt davon mit großer Leichtigkeit, präziser Beobachtungsgabe und einer gelungenen Mischung aus Melancholie und Humor. Seine Figuren sind warmherzig und fein gezeichnet.
Einmal wurde Disko als „Roman wie ein ausgeblichenes Foto“ beschrieben – eine treffende Metapher. Und nicht zuletzt merkt man Raether auch hier den Krimiautor an: Der Spannungsbogen wird sorgfältig aufgebaut und erst ganz am Ende schließt sich der Kreis.
Disko ist ein atmosphärisch dichter, kluger und berührender Roman über Aufbruch und Herkunft, über Musik und Erinnerungen – und erhält von mir eine klare Leseempfehlung.
„Disko“ von Till Raether
Btb Verlag, 978-3-442-75926-2, 240 Seiten