„Lázár“ von Nelio Biedermann

Mit Lázár legt der erst 22-jährige Nelio Biedermann einen beeindruckenden historischen Roman vor, der nicht nur durch seine erzählerische Kraft, sondern auch durch seine thematische Tiefe überzeugt. Ausgezeichnet als Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen 2025, erweist sich der Roman als vollkommen verdienter Erfolg.

Die Geschichte setzt am 6. Januar 1900 ein, in einem abgelegenen ungarischen Waldschloss der Adelsfamilie Lázár. Mit der Geburt von Lajos – einem fast überirdisch wirkenden Kind mit heller, durchscheinender Haut – schlägt Biedermann von Beginn an einen Ton an, der märchenhaft und geheimnisvoll ist. Doch dieser Zauber täuscht nicht über die historische Verankerung des Romans hinweg: Lázár ist ein großer Familienroman, fest eingebettet in die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts.

Auf nur 336 Seiten entfaltet sich eine vielschichtige Familiensaga, die vom Zerfall der Habsburger Monarchie über Nationalsozialismus und deutsche Besatzung bis hin zum ungarischen Aufstand von 1956 reicht. Vor diesem Hintergrund begleitet man die Schicksale der Familie Lázár: die unglückliche Mutter Mária, den im Alkohol versinkenden Vater Sándor, die Kinder Pista und Éva, die in totalitären Systemen ihren eigenen Weg suchen, sowie den Onkel Imre, der sich aus der Welt der Bücher zunehmend in den Wahnsinn verliert.

Biedermanns Sprache ist von großer Intensität. Mit sicherem Gespür erschafft er historische Schauplätze, die sich wie gemalte Bilder vor dem inneren Auge entfalten. Seine Erzählweise oszilliert zwischen poetischer Feinheit und brutaler Wucht: Gewalt, Angst und Verlorenheit des 20. Jahrhunderts werden nicht ausgespart, sondern stehen in spannungsvollem Kontrast zu einer immer wieder aufscheinenden, fast mystischen Atmosphäre. Gerade diese Verbindung aus märchenhaftem Ton und historischer Präzision verleiht dem Roman seinen besonderen Sog.

Lázár ist ein eindringlicher, atmosphärisch dichter historischer Roman, der Geschichte nicht nur erzählt, sondern spürbar macht. Die Figuren sind außergewöhnlich und zugleich zutiefst menschlich – geprägt von Ängsten, Wünschen, Begierden und Fehlern. Besonders in der dunkleren Jahreszeit entfaltet dieses Buch seine volle Wirkung.

Angesichts der literarischen Reife, die Biedermann mit nur 22 Jahren zeigt, bleibt zu hoffen, dass der frühe Erfolg nicht zur Last wird. Wenn Lázár ein Maßstab ist, darf man auf weitere Werke dieses Autors sehr gespannt sein. 

„Lázár“ von Nelio Biedermann
Rowohlt Verlag, ISBN: 978-3-7371-0226-1 , 336 Seiten