
Zwölf Tage an der Elbe – jeder Tag ein eigenes Kapitel, eröffnet mit einem poetischen Blick auf den Fluss. So entfaltet sich Katharina Hagenas Roman „Flusslinien“, der Vergangenheit und Gegenwart, Erinnern und Neubeginn auf leise, eindringliche Weise miteinander verbindet.
Im Mittelpunkt stehen drei Figuren: Margrit, Arthur und Luzie.
Margrit ist 102 Jahre alt und lebt in einer Hamburger Seniorenresidenz an der Elbe. Täglich lässt sie sich in den römischen Garten oberhalb des Flusses bringen. Dort widmet sie sich ihren Erinnerungen – an den Krieg, an eine große Liebe und an Else Hoffa, die Gestalterin des Gartens, deren Lebensgeschichte eng mit ihrer eigenen verknüpft ist.
Arthur, eigentlich Sprachenerfinder, arbeitet als Fahrer im Altenheim und bringt Margrit jeden Tag in den Park. Etwas in seiner Vergangenheit hat ihn verstummen lassen; er hat sich zurückgezogen und seinem eigentlichen Beruf den Rücken gekehrt. Zwischen den Zeilen wird spürbar, dass ihn ein innerer Konflikt begleitet, der ihn bis in die Gegenwart belastet.
Luzie, Margrits 18-jährige Enkelin, hat kurz vor dem Abitur die Schule abgebrochen. Sie besucht ihre Großmutter regelmäßig, doch über die Gründe für diese Entscheidung schweigt sie. Margrit ahnt, dass ein schmerzliches Erlebnis dahintersteckt, drängt ihre Enkelin jedoch nicht. Stattdessen begegnet sie Luzies Wunsch, Tätowiererin zu werden, mit Respekt und Unterstützung.
Durch die Augen dieser drei außergewöhnlichen Charaktere eröffnet sich ein weiter Blick auf Vergangenheit und Zukunft. Dabei bleibt Katharina Hagena stets im Hier und Jetzt – und die Nähe zu ihren Figuren geht nie verloren.
Die großen Themen des Romans sind Altern, Tod und Liebe, aber auch Selbstbestimmung, Solidarität und der achtsame Umgang mit der Natur. „Flusslinien“ ist zugleich ein Generationenroman, der vom Loslassen erzählt und vom Mut, Neues zu wagen. Zwischen den Zeilen geht es um ein selbstbestimmtes Leben bis zum Ende, um das Hinschauen bei erlebter Gewalt und um die Verantwortung gegenüber unserer Umwelt.
Katharina Hagena erzählt mit großer Empathie, feinem Humor und spürbarer Sprachlust. Ihre Sätze sind klug, poetisch und oft von leiser Weisheit getragen.
Mich hat „Flusslinien“ begeistert – als berührende, kluge und zugleich leichte Lektüre, die lange nachhallt. Ein Roman, der zum Nachdenken anregt, ohne zu beschweren, und der zeigt, wie viel Kraft in leisen Geschichten liegen kann.
Wer Bücher liebt, in denen Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen, wer Tiefe schätzt und dennoch Leichtigkeit sucht, findet in „Flusslinien“ ein großes Lesevergnügen.
„Flusslinien“ von Katharina Hagena
Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3-462-00729-9, 400 Seiten