„Der ehrliche Finder“ von Lize Spit

Eine Novelle als Auftragsarbeit. In den Niederlanden und in Flandern findet jedes Jahr die „Bücherwoche“ statt. In dieser Woche gibt es für die Kunden ein Bücherwochengeschenk, wenn sie in einer niederländischen oder flämischen Buchhandlung ein niederländisches Buch kaufen. Es sind übrigens häufig Schriftsteller*innen von Format, die den Auftrag erhalten zu einem bestimmten Thema eine Geschichte zu schreiben, die den Umfang von 100 Seiten nicht überschreiten darf. Übrigens war das Bücherwochengeschenk 1938 eine Novelle von Marianne Philips.

Lize Spit schrieb das Buch „Der ehrliche Finder“ also unter konkreten Rahmenbedingungen.

Es handelt von der Familie Ibrahimi. Sie sind kosovarische Albaner, die vor den serbischen Angriffen 1999 nach Belgien flohen.

Sie werden in einem kleinen Ort aufgenommen und schließen rasch Freundschaften. Vor allem der 11jährige Tristan integriert sich schnell und befreundet sich mit dem 9jährigen Jimmy. Für den Außenseiter Jimmy ist es das erste Mal, dass er einen Freund hat und so ist der Schmerz groß, als die Abschiebung der Ibrahimis angeordnet wird. Aber Tristan hat einen Plan, von dem er Jimmy berichtet. Er hat von einem Flüchtlingsjungen gehört, der jemanden aus einem brennenden Haus gerettet hat und fortan durften er und seine Familie als Ehrenbürger für immer bleiben. Also muss er nur dafür sorgen, ein Held zu werden und dabei muss ihm Jimmy helfen.

Als Leser*in ahnt man sehr bald, dass dieser Plan kein gutes Ende nehmen kann.

Lize Spit hat eine Geschichte geschrieben, die uns Außenstehenden sehr deutlich vor Augen führt, was Menschen in Kriegsgebieten erleben müssen und welche Traumata diese Erlebnisse hervorrufen. Aus dem kindlichen Blick des neunjährigen Jimmy erfahren wir ungeschminkt davon. Ich möchte Ihnen gerne eine Szene schildern: Jimmy freut sich so sehr darauf, endlich bei seinem Freund Tristan schlafen zu dürfen. Die Ibrahimis haben ein Zimmer, in dem sämtliche Matratzen liegen. Als Einzelkind kann er sich nichts schöneres vorstellen, als mit Tristan und seinen Geschwistern vor dem Schlafen noch dort zu toben und er fiebert auf den Abend hin. Aber das zu Bett gehen gestaltet sich ganz anders. Die Familie schließt sämtliche Türen hinter sich ab und das Licht im Schlafraum bleibt angestellt. Wenn jemand zur Toilette muss, steht ein Eimer zum Urinieren in der Ecke. Und die ganze Nacht ist von den Schreien der Familienmitglieder erfüllt, denn ihr Schlaf wird von Alpträumen beherrscht.

Lize Spit hat es in dieser Geschichte aber auch geschafft, sehr warmherzig über Freundschaft und über eine herzliche und hilfsbereite Dorfgemeinschaft zu erzählen. Und dennoch zeigt sie einmal mehr, dass es manchmal nur einer Kleinigkeit bedarf und alles entgleist.

Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern handelt es sich bei „Der ehrliche Finder“ um ein sehr kleines Büchlein, aber glauben Sie mir, es ist absolut lesenswert!

„Der ehrliche Finder“ von Lize Spit
S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-397564-2, 128 Seiten