
Raoul de Jong ist halb niederländischer und halb surinamischer Herkunft. Er ist in den Niederlanden als Autor und Kolumnist tätig und sehr bekannt durch seine Podcasts und weil er häufiger im niederländischen Fernsehen zu sehen ist.
Suriname war über 150 Jahre lang eine niederländische Kolonie und als es 1975 als unabhängig erklärt wurde, zogen viele surinamische Menschen in die Niederlande.
In dem Buch „Jaguarmann“ erzählt der Autor von der Suche nach seinen Wurzeln. Es ist ein autobiografisches Buch. Ich spreche extra von „Buch“, weil es so viele Genres in sich vereint. So ist es eine Autofiktion, ein Abenteuerroman, ein Sachbuch, ein Reisebericht, ein Märchen und wahrscheinlich noch vieles mehr!
Zum Inhalt: Der Erzähler und Protagonist Raoul de Jong wurde 1984 als Sohn einer niederländischen Mutter und eines surinamischen Vaters in den Niederlanden geboren. Er wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, die Eltern trennten sich noch vor der Geburt Raouls, und er lernt seinen Vater erst mit 28 Jahren kennen.
Bei einem der ersten Treffen mit seinem Vater erfährt er von einem Ahnen, der ein „Jaguarmann“ in Suriname gewesen sei. Er besaß nicht nur die Kräfte des Tiers, sondern konnte sich auch in dieses verwandeln. Raoul begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln.
Er liest von surinamischen Autoren, die in diesem Buch allesamt Erwähnung finden und im Quellenverzeichnis angehängt sind. Er reist nach Südamerika, in den Regenwald, nach Suriname. Dort spricht er mit Menschen, die dort leben, mit Forscher*innen und Wissenschaftler*innen, mit Priester*innen und Literat*innen und so erfahren wir im Laufe des Buches sehr viel über die ehemalige niederländische Kolonie. Wir erkennen aber auch, wie das Volk der Suriname den Jaguar in alles Schöne einbindet. Er ist Teil der Poesie, der Musik, im Tanz und im Gesang. Und er ist auch noch heute im Jazz, Hip-Hop oder bei der Sängerin Beyoncé zu finden. Raoul de Jong glaubt, dass die Suriname nur durch die Kraft des Jaguars der Ausbeutung standhalten konnten und dieses positive möchte er weitergeben. Er spricht selbst von folgender Intention, die er mit seinem Buch verfolgt: „Ich denke, indem man mein Buch liest, wird man ein besserer, sanftmütigerer Mensch, weil es darum geht, wie man die Welt schöner machen kann, egal, welche Hautfarbe man hat oder woher man kommt. […] Sei ein Jaguarmann! Das muss man sich jeden Tag aufs Neue vornehmen. Man ist es nie ein für allemal, man wird es durch die Dinge, die man tut, und die Entscheidungen, die man trifft. Dafür muss man nicht braun, oder halb surinamisch sein, sondern einfach nur ein Mensch. Eine einzelne Person kann viel verändern. Halte die Augen offen, schwimm nicht im Strom mit und finde dich nicht damit ab, dass die Dinge geschehen, weil sie nun mal geschehen.“
Schön, nicht wahr?
Dennoch muss ich ganz ehrlich zugeben, dass mir der Zugang zu diesem Buch etwas versperrt blieb. Da war mir zu viel Mystik und Mythologie und dann wieder zu wenig persönliche Geschichte. Man erfährt kaum etwas über Raouls engere Familie, insbesondere über den Vater und seinen Lebensweg als Suriname in den Niederlanden. Wahrscheinlich hatte das Buch für mich zu wenig Identifikationspotenzial und hat mich damit zu stark auf Distanz gehalten.
Aber schauen Sie einfach selbst. Als Sachbuch schließt es eine Wissenslücke über das Thema Kolonialismus. In den niederländischen Medien spielen Suriname, die niederländischen Antillen oder Indonesien jeden Tag eine Rolle. Das Thema „Kolonialismus und seine Folgen in der heutigen Zeit“ wird in der neueren Literatur kritisch aufgegriffen und benannt.
„Jaguarmann“ von Raoul de Jong
EuregioKultur e.V., ISBN: 978-3-9818894-7-5, 280 Seiten