„Trophäe“ von Gaea Schoeters

Gaea Schoeters wurde 1976 in Belgien geboren und ist als Autorin, Journalistin und Drehbuchautorin tätig. 

In ihrem Roman „Trophäe“ geht es um die Trophäenjagd in Afrika. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Ein Thema, bei dem ich sofort schlechte Laune bekomme und das ganz bestimmt kein Leseinteresse bei mir weckt. Ich habe dieses Buch also tatsächlich nur in die Hand genommen, weil kein Weg daran vorbeiführte, als die Idee entstanden war, eine Veranstaltung über Bücher aus dem niederländischen Sprachraum zu machen. Alle Kritiken überschlugen sich vor Lob und egal, welchen Leser ich traf, jeder war begeistert.  Und so viel vorneweg: Ich bin auch begeistert! Also ist dieses Buch, diese Trophäe, der krönende Abschluss des Abends und meine absolute Leseempfehlung!

Zum Inhalt: Hunter White ist ein steinreicher, westlicher Alphamann, der Unsummen für die Trophäenjagd ausgibt. Dabei sieht er sich nicht als jemanden, der ein perverses Reiche-Leute-Hobby ausübt. Er ist Artenschützer, denn er schießt nur auf die Tiere, die alt oder schwach und somit eher eine Last für die Herde sind. Außerdem unterstützt er die lokale Bevölkerung, denn die hohen Summen, die er für Jagd-Lizenzen zahlt, dienen der Dorfgemeinschaft u.a. dazu, Schulen aufzubauen. Wenn also die Trophäenjagd einen wirtschaftlichen Aufschwung bedeutet, ist die Bevölkerung bereit, die Tiere vor Wilderern zu schützen. Eine Win-Win-Situation für den leidenschaftlichen Jäger, der in seinem anderen Leben erfolgreich an der Börse spekuliert.

Diesem verantwortungsvollen Mann fehlt nun noch eine Trophäe, damit er seine „Big Five“ erlegt hat: Elefant, Büffel, Löwe und Leopard konnte er schon erlegen, aber ein Nashorn fehlt ihm noch. Als sein alter Freund und Jagdbegleiter Van Heeren ihm das Angebot machen kann, dass in dem Territorium, das er betreut, ein altes Tier lebt, welches er erlegen kann, kauft Hunter die Lizenz für 500.000 Dollar, ohne mit der Wimper zu zucken. Sofort erkennt man, dass er es nicht tut, um die afrikanische Wirtschaft anzukurbeln, sondern weil er in Afrika nichts anderes als sein persönliches Vergnügungsland sieht. Sein augenscheinliches Verantwortungsbewusstsein, kein jüngeres Tier zu schießen, ist lediglich der Angst geschuldet, dass Umweltaktivisten ein Jagdverbot erwirken könnten.

Dann wird Hunter allerdings um seine Möglichkeit, die Big Five voll zu machen, beraubt: Wilderer kommen ihm zuvor und erlegen sein Nashorn. Er hätte nun die Möglichkeit laut Vertrag, das Geld von Van Heeren zurückzuverlangen, doch dieser macht ihm ein Alternativangebot. Er könne ihm die „Big Six“, also eine sechste Spezies anbieten. Und mit dieser Erfindung der Autorin, die hoffentlich wirklich nur eine Erfindung ist, wird der Leserschaft nun der Boden unter den Füßen weggezogen. Van Heeren bietet Hunter White die Jagd auf einen Menschen an.

Wenn das Buch schon vorher mit absoluter Spannung zu lesen war, beginnt nun ein (nach diesem Wort habe ich lange gesucht) adrenalinschwangerer Ritt an die Grenzen von Gut und Böse, bei dem ich mir immer wieder gewünscht habe, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Wie auch immer dieses gute Ende dann aussehen mag, … und dieser Frage muss man sich als Leser*in stellen!

Der Roman ist nicht nur ein Dschungel-Thriller, sondern viel mehr eine Aufforderung dazu, seine eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Wie bei einem Buch von Schirach muss sich die Leserschaft der Frage stellen, wie hoch der Wert des einzelnen gegenüber dem Wohl der Gemeinschaft ist. Allerdings hat Schoeters diese philosophische Frage in einen abgründigen, finsteren und unvergesslichen Pageturner verpackt.

Trophäe ist ein Roman, den man nicht wieder vergessen wird! Meine absolute Leseempfehlung!

„Trophäe“ von Gaea Schoeters
Zsolnay Verlag, ISBN 978-3-552-07388-3, 256 Seiten