
Ein bemerkenswertes Debüt aus diesem Frühjahr ist der Roman „Perlen“ von Sian Hughes. Die Autorin wurde 1965 in einem kleinen Ort im Nordwesten Englands geboren. Sie ist Lyrikerin und Buchhändlerin mit eigener Buchhandlung – und sagt von sich selbst, dass ihre Welt die Welt der Bücher sei. An „Perlen“ arbeitete sie bereits seit ihren Teenagerjahren. Nun, mit fast 60 Jahren, erscheint der Roman erstmals.
In England wurde das Buch schon 2023 veröffentlicht – zunächst nahezu unbeachtet. Keine Rezensionen, kaum Resonanz. Umso überraschender kam der Anruf ihrer Lektorin: „Perlen“ hatte es auf die Longlist des Booker Prizegeschafft. Die Jury bezeichnete den Roman als ein außergewöhnliches Debüt:
„Der Roman erzählt die Geschichte eines Geheimnisses und ist gleichzeitig eine Meditation über Trauer und Trost. Ein Buch, das noch lange von Hand zu Hand weitergereicht wird.“
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Marianne. Als sie acht Jahre alt ist, verschwindet ihre Mutter. Sie verlässt eines Nachmittags das Haus und kehrt nie wieder zurück. Zurück bleiben Marianne, ihr Säuglingsbruder und der Vater. Was genau geschehen ist, bleibt ungeklärt. Im Verlauf der Lektüre deutet sich jedoch an, dass die Mutter unter einer psychischen Erkrankung litt.
Doch der Roman sucht weder nach Erklärungen noch nach Schuldigen. Vielmehr erzählt er vom Nicht-da-Sein der Mutter – und davon, was diese Leerstelle im Leben eines Menschen anrichtet.
Wir begleiten Marianne in verschiedenen Lebensphasen: als Kind, als Teenager und später selbst als Mutter. Immer wieder gibt sie sich die Schuld am Verschwinden der Mutter. Sie ist unaufhörlich auf der Suche nach ihren Wurzeln, nach Antworten, nach der verlorenen Mutter. Gleichzeitig wehrt sie Erinnerungen ab oder verfälscht sie. Ihr Leben ist geprägt von Trauer, innerer Unruhe und immer wiederkehrenden Phasen der Selbstzerstörung. Marianne bewegt sich beständig am Rand des Abgrunds – bis sie sich eines Tages der Vergangenheit stellt.
„Perlen“ ist ein leiser, melancholischer Roman, der dennoch eine große Kraft entfaltet. Sian Hughes erzählt poetisch, präzise und psychologisch feinfühlig. Ihre Sprache ist von Zurückhaltung geprägt, jeder Satz sitzt. Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches: Es erklärt nicht, es beobachtet. Es urteilt nicht, es fühlt.
Wer die harten Lebensumstände der Schwestern in „22 Bahnen“ oder „Windstärke 17“ von Caroline Wahl berührend fand und zugleich den lyrischen Ton eines Benedict Wells schätzt, wird an „Perlen“ nicht vorbeikommen.
Ein stilles, trauriges und zugleich versöhnliches Buch, das man nicht so schnell vergisst.
„Perlen“ von Sian Hughes
Dumont Verlag, 978-3-7558-0008-8, 272 Seiten