„Alexander“ von Ferdinand von Schirach


Für mich bestand kein Zweifel: Als ich hörte, dass Ferdinand von Schirach ein Kinderbuch geschrieben hat, musste ich es lesen. Und was soll ich sagen? Ich finde, ihm ist ein kluges, warmherziges und schnörkellos erzähltes Buch gelungen, das zugleich von großer gesellschaftlicher Aktualität ist.

Im beeindruckenden ersten Kinderbuch eines Autors, der bislang vor allem für seine juristischen und literarischen Werke für Erwachsene bekannt ist, steht eine große, zeitlose Frage im Mittelpunkt: Wie können wir friedlich miteinander leben?

Die Geschichte spielt in der antik anmutenden Stadt Kaliste, die lange unter der Herrschaft eines grausamen Tyrannen litt. Nach dessen Sturz steht die Gemeinschaft vor einer entscheidenden Herausforderung: Wie lässt sich verhindern, dass jemals wieder eine solche Gewaltherrschaft entsteht?

Die Bewohnerinnen und Bewohner treffen eine ungewöhnliche Entscheidung. Ein Kind soll aufbrechen, um „gute Gesetze“ zu finden – gerechte Regeln für alle Menschen. Nur einem Kind traut man zu, frei von Vorurteilen zu sein. Die Lösung eines Rätsels dient als Qualifikation für diese Aufgabe. Alexander ist der Einzige, dem dies gelingt. Ihm bleiben nun sieben Tage, um gute Gesetze zu finden.

Auf seiner Reise begegnet Alexander sehr unterschiedlichen Figuren: einem Orakel, einem Modeschöpfer, einem Soldaten und einem Philosophen. Jede dieser Begegnungen steht exemplarisch für eine bestimmte Perspektive und für unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Menschen zusammenleben sollten. Schritt für Schritt nähert sich Alexander so den Grundprinzipien von Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit, Verantwortung und Mitbestimmung.

Schirachs Sprache ist ruhig, reduziert und klar. Mit wenigen Worten und kurzen Sätzen erzielt er große Wirkung. Der Autor verzichtet auf ausführliche Erklärungen, stellt stattdessen Fragen und lässt bewusst Raum zum Nachdenken. So können Leserinnen und Leser – unabhängig vom Alter – eigene Schlüsse ziehen. In seiner Wirkung erinnert Alexander an Bücher wie „Der kleine Prinz“ oder, für ältere Leserinnen und Leser, an eine kindgerechte Vorstufe von „Sofies Welt“. Es handelt sich weniger um eine klassische Abenteuergeschichte als um eine philosophische Reise, die Denkprozesse anstößt.

Erwähnenswert ist zudem, dass Ferdinand von Schirach die Illustrationen selbst gezeichnet hat. Sie sind schlicht und zurückhaltend und ergänzen den Text liebevoll, ohne ihn zu dominieren.

Meiner Meinung nach ist Alexander ein außergewöhnliches Kinderbuch für eine Leserschaft von 10 bis 99 Jahren. Es ist klug, hoffnungsvoll, warmherzig, zeitlos und zugleich hochaktuell. Ein Buch, das herausfordert, nachhallt und zum Nachdenken anregt – über Gerechtigkeit, Macht und die Frage, wie wir miteinander leben wollen.

„Alexander“ von Ferdinand von Schirach
Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-30481-4, 160 Seiten