
Verstörend, grotesk, klug – und gerade deshalb ausgesprochen lesenswert.
„Ochsenkopf“ ist ein ungewöhnlicher Debütroman über einen Mann, der Fleisch besser versteht als Menschen und über eine Welt, in der selbst höchste Qualität gegen den Preis nicht bestehen kann. Skurril, sprachlich präzise und verstörend unterhaltsam, stellt das Buch ganz nebenbei auch die eigene Haltung zum Fleischkonsum auf den Prüfstand.
Im Mittelpunkt steht Rensing junior, der Sohn eines Metzgers in einem niederländischen Dorf. In den 1960er- und 1970er-Jahren übernimmt er den Betrieb seines Vaters und verfolgt fortan ein kompromissloses Ideal: Die Metzgerei soll die beste weit und breit werden.
Schon als Kind ist Rensing geradezu besessen von Fleisch und seiner Verarbeitung. Die Qualität eines Rindes erkennt er auf den ersten Blick und ein Tier kann er mit kunstfertiger Präzision zerlegen. Für ihn wird der Schlachtraum zum Atelier und das Zerlegen zur Kunst. Fleisch ist für ihn keine gewöhnliche Ware, sondern eine Frage von Qualität und Können. Menschen hingegen bleiben ihm weitgehend fremd. Für zwischenmenschliche Feinheiten fehlt ihm jedes Gespür.
Seine Eltern erkennen, dass sich eine Metzgerei nicht allein mit gutem Fleisch führen lässt, und arrangieren eine Ehe mit Jacomine. Sie besitzt genau das, was ihrem Mann fehlt: Menschenkenntnis, Charme und Geschäftssinn. Zunächst scheint die Verbindung zu funktionieren und auch Rensings Ideal hat in der kleinen Dorfgemeinschaft noch seinen Platz.
Doch dann verändert sich die Welt – der erste Supermarkt eröffnet im Dorf. Die Kundschaft interessiert sich zunehmend weniger für herausragende Qualität als für günstige Preise. Für Rensing beginnt damit der Niedergang. Er weigert sich zu akzeptieren, dass Qualität allein kein Geschäftsmodell ist. Jacomine hingegen erkennt die Zeichen der Zeit früh und entwickelt sich zunehmend zu einer eigenständigen Geschäftsfrau.
Damit gerät nicht nur die Metzgerei, sondern auch die Ehe aus dem Gleichgewicht. Je verbissener Rensing versucht, seine Vorstellungen gegen die Realität durchzusetzen, desto stärker verrennt er sich in seiner Sturheit. Schließlich beginnt ausgerechnet der Mann, für den Qualität einst alles bedeutete, minderwertiges Fleisch zu verkaufen. Auf den wirtschaftlichen folgt der moralische Bankrott.
Das Faszinierende an „Ochsenkopf“ ist, wie viel Welt der Roman aus diesem zunächst so begrenzten Thema entwickelt. Auf weniger als 180 Seiten erzählt Sarkar nicht nur die Geschichte eines Metzgers, sondern zugleich von gesellschaftlichem Wandel, Konsum, Kapitalismus, Männlichkeit, Handwerk und menschlicher Einsamkeit. Dabei scheut er weder drastische Bilder noch körperlich schwer auszuhaltende Szenen. Tierleid, industrielle Fleischproduktion, verdorbenes Fleisch und die Widersprüche unseres Fleischkonsums werden mit einer Eindringlichkeit beschrieben, die die Leserschaft kaum auf Distanz bleiben lässt.
Rensings Unfähigkeit, sich und die Welt zu verändern, besitzt etwas Tragisches – und gleichzeitig etwas zutiefst Absurdes.
Das furiose Finale treibt seinen Starrsinn konsequent bis zum Äußersten. Zurück bleibt nicht nur ein bitterer Nachgeschmack, sondern auch die unangenehme Frage, wie viel von Rensings Welt eigentlich in unserer eigenen steckt.
Gerade diese Mischung macht den Roman so eigenwillig: „Ochsenkopf“ ist drastisch und schwarzhumorig, grotesk und zugleich überraschend anrührend.
„Ochsenkopf“ von Manik Sarkar
Zsolnay Verlag, ISBN 978-3-552-07594-8, 176 Seiten