
Der kürzlich auf Deutsch erschienene Roman Der andere Arthur von Liz Moore weckte sofort mein Interesse. Nach den beiden erfolgreichen, deutlich spannungsorientierten Romanen Long Bright River und Der Gott des Waldes schlägt Moore hier einen ganz anderen Ton an: sie schreibt still und eindringlich über Einsamkeit – ohne Pathos, ohne melodramatische Zuspitzung, dafür mit psychologischer Genauigkeit und großer Empathie für ihre Figuren.
Dass Der andere Arthur bereits 2012 entstanden ist und erst jetzt auf Deutsch erscheint, merkt man dem Text nicht an. Im Gegenteil: Das Thema Einsamkeit wirkt heute vielleicht sogar dringlicher als damals. Mir wurde beim Lesen sehr bewusst, wie leicht Rückzug inzwischen geworden ist. Ein kleiner Fehltritt, ein Bruch im Lebenslauf – und schon kann man sich in der Isolation einrichten. Arbeiten von zu Hause, Lieferdienste, digitale Kommunikation: Alles ist vorhanden, um zu überleben, ohne wirklich Teil der Welt zu sein.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Arthur Opp ist ein ehemaliger Literaturprofessor, der sich vollständig aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat. Er wiegt 250 Kilo und hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen. Sein Alltag ist streng ritualisiert: Essenslieferungen, gestapelte Kartons, Erinnerungen an ein früheres Leben. Soziale Kontakte existieren kaum noch. Arthur lebt allein, zunehmend verwahrlost – und doch ist er keine tragische Figur im klassischen Sinne. Ich habe ihn nicht als durchgehend unglücklich erlebt, sondern eher als eigenwilligen, oft freundlich-ironischen, interessierten Menschen, als einen „komischen Kauz“, der sich in seiner Einsamkeit eingerichtet hat.
Zentral für Arthurs Innenleben ist seine Beziehung zu Charlene, einer ehemaligen Studentin. Tatsächlich haben sich die beiden nur wenige Male persönlich gesehen, doch seit Jahren verbindet sie eine intensive Brieffreundschaft. Diese Nähe auf Abstand ist Arthurs wichtigste Verbindung zur Außenwelt – und zugleich von Selbsttäuschung geprägt. Arthur verschweigt Charlene, dass er längst nicht mehr als Professor arbeitet; Charlene wiederum hält ihre Krankheit und ihre Sucht vor ihm geheim. Die Briefe werden zu einem Raum, in dem beide eine Version ihres Lebens aufrechterhalten, die mit der Realität nur noch bedingt übereinstimmt.
Im weiteren Verlauf wechselt Liz Moore die Erzählperspektive – und damit den sozialen und emotionalen Fokus der Geschichte. Nun kommt der „andere Arthur“ zu Wort: Charlenes Sohn, ebenfalls Arthur genannt, von allen nur Kel gerufen. Der 18-Jährige ist ein talentierter Baseballspieler, der auf ein Sportstipendium hofft, um der Armut seines Elternhauses im New Yorker Vorort Yonkers zu entkommen. Gleichzeitig trägt er als Sohn einer alleinerziehenden, kranken Mutter eine Verantwortung, die ihn früh erwachsen werden lässt.
Kel bewegt sich zwischen zwei Welten: dem prekären, unsicheren Zuhause und der wohlhabenden Umgebung seiner Highschool im Nachbarort. Obwohl er dort beliebt und gut integriert ist, fühlt er sich in den Luxusvillen seiner Freunde fremd. Moore vermittelt diese Zerrissenheit mit großem Feingefühl. Kel ist kein klischeehafter Aufsteiger, sondern ein junger Mensch voller Zweifel, Loyalität und der stillen Angst, seine Mutter – und damit seine Herkunft – zurückzulassen.
Der Roman folgt nun parallel diesen beiden Figuren: Arthur Opp, der in seiner Vergangenheit gefangen ist, und Kel, der beginnt, Fragen nach seiner Herkunft und seiner Zukunft zu stellen. Lange bleibt offen, wie eng ihre Schicksale tatsächlich miteinander verknüpft sind. Moore führt die beiden Handlungsstränge ohne Hast und ohne dramatische Zuspitzung aufeinander zu. Die Spannung entsteht nicht durch äußere Ereignisse, sondern durch das genaue Beobachten der Figuren – ihrer Gedanken, Gefühle und Handlungen.
Was mir an Der andere Arthur besonders gefallen hat, ist das bewusste Fehlen großer Effekte. Der Roman ist ruhig, stellenweise repetitiv, fast meditativ. Die Leserschaft betrachtet die beiden Ich-Erzähler eher distanziert. Allerdings hat gerade die Schilderung kleiner Gesten, scheinbar nebensächlicher Gedanken und alltäglicher Routinen bei mir ein viel tieferes Gefühl von Einsamkeit erzeugt als jede laute Szene es hätte leisten können.
Auffällig ist auch, wie gutherzig die meisten Romanfiguren sind. Nicht die Konflikte zwischen Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern vor allem die inneren Kämpfe: Scham, Selbstlügen, die Angst vor Nähe und zugleich die Sehnsucht danach. Niemand wird „gerettet“, und doch geben sich die Figuren Halt – eine Erfahrung, die ich als sehr tröstlich empfunden habe.
Der andere Arthur entfaltet sich ganz leise und zurückhaltend – und dadurch mit besonderer Intensität. Es ist ein rührender, aber niemals tränenrührender Roman und für mich ein eindrucksvoller Beweis für das außergewöhnliche literarische Talent von Liz Moore.
„Der andere Arthur“ von Liz Moore
C. H. Beck Verlag, ISBN 978-3-406-84333-4, 377 Seiten