
Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich von meiner Liebe zu Schweden spreche – zu seiner Landschaft, seinen Menschen und zu jenen Geschichten, die mit Wärme und Menschlichkeit tief ins Herz treffen. Umso größer ist meine Freude, dass mit „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ von Lisa Ridzén ein Roman erscheint, der genau in diese besondere Liga schwedischer Erzählkunst gehört, die ich spätestens seit Frederik Backman so schätze.
In Schweden erschien das Buch bereits 2024 und erhielt den „Book of the Year Award 2024“, so wie den schwedischen Buchhandelspreis 2025 und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zum Jahreswechsel war ich dort und nutzte die Chance eine junge schwedische Buchhändlerin auf den Titel anzusprechen. Ihre Augen leuchteten: „Wir alle lieben dieses Buch!“Ich kann ihr nur zustimmen. Auch mich hat dieser Roman vollständig für sich eingenommen.
Im Mittelpunkt steht Bo, 89 Jahre alt. Er lebt allein in seinem kleinen schwedischen Holzhaus, begleitet nur von seinem Hund Sixten. Seine geliebte Ehefrau Fredrika ist an Demenz erkrankt und erkennt ihn längst nicht mehr. Bo hasst die Besuche im Pflegeheim, erinnert sich lieber an die Frau, die er alle Jahre liebte. Bos Welt ist klein geworden, seine Tage sind lang. Der Körper wird zur täglichen Herausforderung: der Weg zur Toilette, der Spaziergang mit dem Hund, selbst das Öffnen eines alten Glases, in dem sich der Schal seiner Frau – noch immer erfüllt von ihrem Duft – befindet, wird zur unüberwindbaren Hürde. Seine Kontakte nach außen sind auf ein Minimum reduziert: Mehrmals täglich kommt der Pflegedienst. Gelegentlich telefoniert er mit seinem alten Freund Ture. Nur selten besucht ihn sein Sohn Hans, der ihm immer weniger zutraut und dann sogar beschließt, ihm den Hund wegzunehmen. Der drohende Verlust von Sixten zwingt Bo, sich mit seinem Leben auseinanderzusetzen. Erinnerungen brechen auf: an seine Kindheit, an seine Ehe, an verpasste Nähe, an Freundschaften und Konflikte. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, unterbrochen von der Realität – einem Telefonklingeln, einem Klopfen an der Tür. Eben noch Traum, im nächsten Moment Gegenwart.
Lisa Ridzén erzählt diese Geschichte leise, nüchtern und zugleich zutiefst berührend. Bos Gedanken sind niemals schwülstig oder romantisiert. Gerade in ihrer Klarheit entfalten sie eine enorme emotionale Kraft. Der Roman wechselt dabei geschickt zwischen Bos Ich-Perspektive und kurzen, sachlichen Einträgen des Pflegepersonals. Dieser literarische Kniff macht die Diskrepanz sichtbar zwischen dem, was ein Mensch empfindet, und dem, was von außen wahrgenommen oder dokumentiert wird. Der alte Mensch als fühlendes Wesen, dessen Würde manchmal übersehen wird.
Besonders eindrücklich ist, wie das Buch Fragen nach Selbstbestimmung, Altern und Fürsorge stellt. Wann wird Schutz zur Bevormundung? Warum verlieren Alltagsentscheidungen im Alter plötzlich ihre Selbstverständlichkeit? Ridzén hält uns zum Nachdenken an – ruhig, aber eindringlich.
Dass es einer noch nicht vierzigjährigen Autorin gelingt, einem 89-jährigen Mann eine so glaubhafte Stimme zu verleihen, ist bemerkenswert. Vielleicht liegt es an ihrem soziologischen Hintergrund, an ihrer Forschung zu Männlichkeitsnormen in ländlichen Regionen Nordschwedens. Ridzén zeigt empathisch, wie viel Leben, Erinnerung und Geschichte in alten Körpern stecken: das Kind, der verliebte Jugendliche, der junge Erwachsene, der Vater. Und sie macht deutlich, was am Ende wirklich zählt – Beziehungen, Nähe, Versöhnung.
„Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ ist ein stiller, poetischer Roman voller Wärme, und Menschlichkeit. Er rührt zu Tränen, ohne je schnulzig zu werden, und schenkt zugleich Zuversicht. Ein Buch, das nachhallt, das aufrüttelt und über das Ende der Geschichte hinweg begleitet. Ich saß noch lange mit Bo in seiner Küche, hörte im Ofen das Feuer prasseln und beobachtete die Kraniche.
Eine literarische Perle. Ein Debüt, das tief berührt. Ein Roman, der uns lehrt, genauer hinzusehen, zuzuhören und uns zu fragen, wie wir mit dem Alter, mit Pflege und mit den Geschichten derer umgehen, die so viel erlebt haben.
„Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ von Lisa Ridzén
BTB Verlag, ISBN 978-3-442-76296-5, 384 Seiten