
Mit „Die Riesinnen“ ist Hannah Häffner ein bemerkenswert kraftvoller Roman gelungen – weit mehr als ein Heimatroman oder eine klassische Generationenerzählung. Vielmehr ist es ein vielschichtiges, sprachgewaltiges Porträt dreier Frauen, die ihren eigenen Maßstab für Freiheit entwickeln. Ich würde dieses Buch durchaus in einem Atemzug mit den Romanen von Dörte Hansen nennen.
Angesiedelt ist die Geschichte in Wittenmoos, einem erfundenen Ort im Schwarzwald. Erzählt wird von drei Generationen der Familie Riessberger. Liese, Cora und Eva – alle drei groß, dürr, rothaarig – fallen auf. Sie sind anders. Und sie werden ausgegrenzt. Ihr Äußeres wird zum sichtbaren Zeichen ihres Nicht-Dazugehörens in einer dörflichen Welt.
Den Anfang macht Liese, die im Nachkriegsdeutschland ihren Platz sucht. Sie träumt davon, der Ehe mit einem herrischen Mann zu entkommen – doch in dieser Zeit gibt es für eine Frau kaum eine Möglichkeit, auf eigenen Beinen zu stehen. Als ihr Mann stirbt, übernimmt sie ohne Vorkenntnisse die Metzgerei seiner Eltern. Nicht aus emanzipatorischem Impuls, sondern aus schierer Notwendigkeit. Sie muss sich und ihre Tochter ernähren. Liese handelt, weil sie handeln muss. Sie verschafft sich Respekt, behauptet sich, trifft Entscheidungen – und begräbt schmerzlich ihre eigenen Träume.
Ihre Tochter Cora ist wilder, lauter, widerständiger. Sie will hinaus in die Welt, mit dem Rucksack nach Paris und Amsterdam, fort aus der Enge des Schwarzwalds. Sie lehnt das Leben der Mutter entschieden ab – bis sie ungewollt schwanger wird und nach Wittenmoos zurückkehrt. Ein anderer Charakter, eine andere Zeit, ein ähnliches Schicksal. Und wieder eine Frau, die Verantwortung übernimmt und ihren Weg unter veränderten Vorzeichen sucht.
Auch Eva wird in Wittenmoos geboren. Sie liebt den Wald und entscheidet sich für eine Ausbildung in Forst- und Agrarwissenschaften – einen traditionell männlich geprägten Bereich. Nicht als Provokation, sondern aus echtem Interesse. Sie wächst mit Freiheiten auf, die ihre Mutter und Großmutter sich erst erkämpfen mussten. Und doch bleibt auch sie nicht frei von Zweifeln. Muss man fortgehen, um sich selbst zu finden? Oder liegt die eigene Freiheit vielleicht gerade im Bleiben?
Die Beziehung zwischen den drei Generationen – zwischen Müttern und Töchtern – ist dabei keineswegs harmonisch oder konfliktfrei. Es gibt Unverständnis, Distanz, Reibung. Und doch besteht eine tiefe Verbindung. Eine Solidarität, die nicht aus Harmonie erwächst, sondern aus geteilter Erfahrung. Sie stehen füreinander ein, selbst wenn sie einander nicht immer verstehen.
Häffner errichtet ihren Figuren keine Denkmäler. Sie begleitet sie. Mal zart, mal wuchtig. Mal wild, mal feinfühlig. In wechselndem Rhythmus erzählt sie von ihren Wegen, Brüchen und Entscheidungen. Die sprachliche Kraft des Romans liegt in seiner Bildhaftigkeit: Mit wenigen, dafür aber präzisen Vergleichen erschafft sie eine Atmosphäre, die lange nachhallt.
„Die Riesinnen“ ist ein intensiver, kluger und berührender Roman über Heimat, Familie und Wurzeln, über Selbstbestimmung und das Ringen um den eigenen Platz im Leben. Bitte unbedingt lesen!
„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner
Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-60433-4, 416 Seiten