„Eine Geschichte der Sehnsucht“ von Ben Shattuck

In dieses Buch habe ich mich schockverliebt. Nur etwa anderthalb Stunden Lesezeit – und doch lässt es mich nicht mehr los.

Nach „Die Geschichte des Klangs“ erscheint nun ein neuer schmaler Band von Ben Shattuck. Wieder zeigt sich: Literarische Größe bemisst sich nicht an der Seitenzahl. Auf kaum achtzig Seiten entfaltet Shattuck eine Geschichte, die mühelos den Raum eines tausendseitigen Romans füllen könnte.

Das Buch erzählt von Liebe und Verpflichtung, von Reue und Verbundenheit und kreist um die großen Fragen: Was wäre gewesen, wenn? Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen?

Schauplatz ist die karge Insel Nantucket vor der Ostküste der USA. Im Jahr 1796 lebt dort der junge Edwin mit seiner verwitweten Mutter in einem der letzten Häuser der Insel – hinter ihrem Heim folgen nur noch der Leuchtturm und die Klippen zum Atlantik. Das Leben ist hart, einsam und von Verlust geprägt. Der Vater kehrte traumatisiert aus dem Krieg zurück und suchte eines Tages im Eis den Tod. Edwin selbst fand seinen Leichnam – ein Erlebnis, das ihn früh erwachsen werden ließ.

In diese stille, entbehrungsreiche Welt platzt unverhofft Besuch: Will, die Jugendliebe der Mutter, erscheint – frisch verheiratet und auf dem Weg in die Karibik. Was folgt, ist kein lautes Drama, sondern eine leise, schmerzhaft schöne Nacht voller unausgesprochener Gefühle. Zwischen den Zeilen liegt eine nicht gelebte Zukunft, eine Entscheidung, die zwei Leben geprägt hat. „Was du hier siehst, ist ein Beispiel für Reue“, sagt die Mutter zu ihrem Sohn.

Am nächsten Morgen ist Will verschwunden. Zurück bleibt ein kleines Gemälde: ein Rotkehlchen mit einem himmelblauen Band am Bein – Sinnbild für Sehnsucht, Bindung und vielleicht auch für verpasste Freiheit.

Zweihundert Jahre später kehrt ein junger Kunstabsolvent in das Haus seiner Großmutter auf Nantucket zurück. Bevor es verkauft wird, möchte er dort malen. Bei Reparaturarbeiten stößt er auf Relikte vergangener Zeiten, die er der Kuratorin des Heimatmuseums zeigt. In ihrem Besitz befindet sich auch jenes rätselhafte Bild vom Rotkehlchen. Vergangenheit trifft auf Gegenwart – und ein Gemälde wird zum Bindeglied zwischen Jahrhunderten.

Shattucks Kunst liegt im Weglassen. Er breitet seine Figuren nicht aus, sondern zeigt sie in Momentaufnahmen – präzise, verdichtet und eindringlich. Jeder Satz sitzt, kein Wort ist zu viel. Gerade weil vieles nur angedeutet wird, entsteht im Kopf ein weiter Raum für Bilder, Landschaften und Lebenswege. Seine Sprache ist poetisch und klar, aber niemals überladen. Zwischen den Zeilen hallt eine leise Traurigkeit nach, die lange bleibt.

Dieses Buch ist eine Praline, ein bibliophiles Kleinod – äußerlich schmal, innerlich gewichtig.

Ein großes literarisches Glanzstück in konzentrierter Form.

Schnell gelesen. Tief berührt. Zufrieden zugeklappt.

„Eine Geschichte der Sehnsucht“ von Ben Shattuck
Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-28650-4, 80 Seiten