
Ich bin ein großer Fan von Megan Hunter und habe bereits ihre beiden vorangegangenen Romane – „Die Harpyie“ und „Vom Ende an“ – mit Begeisterung gelesen. Für beide spreche ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus – allerdings nicht, ohne zu erwähnen, dass sie inhaltlich wie sprachlich keine Bücher zum „Nebenbei-Weglesen“ sind. Hunters Texte verlangen Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, sich wirklich einzulassen.
Auch mit „Tage des Lichts“ legt sie einen Roman vor, der Geduld fordert. Er ist nicht immer leicht zugänglich, manches wirkt entschleunigt, vielleicht sogar stellenweise etwas zäh. Doch wer sich Zeit nimmt und sich auf diese poetische, anspruchsvolle Erzählweise einlässt, wird belohnt.
Beginnend Ostern 1938: Die 19-jährige Ivy wächst in einem unkonventionellen Künstlerhaushalt in Sussex auf. Noch weiß sie nicht, welchen Weg sie einschlagen soll – Tänzerin, Malerin, Abenteurerin? Viel scheint möglich. Doch dann verschwindet ihr Bruder bei einem Badeausflug. Ob er ertrunken ist, bleibt ungeklärt, seine Leiche wird nie gefunden. Dieses traumatische Ereignis verändert alles.
Ivys Leben nimmt eine andere Richtung: Sie heiratet einen älteren Freund der Familie, bekommt Kinder und fügt sich in ein angepasstes Leben. Jahre später begegnet sie der einstigen Verlobten ihres Bruders, Frances, wieder. Zwischen den beiden Frauen besteht eine spürbare, unausweichliche Anziehung – ein Verlangen, das gesellschaftlich nicht akzeptiert wird und doch nie ganz verstummt. Erst viel später erkennt Ivy, wie viel sie verdrängt und wie viel sie nicht gewagt hat.
Ivys ganzes Leben wird dargestellt. Das Besondere: Es sind nur sechs Tage, die sich über sechs Jahrzehnte erstrecken, von denen erzählt wird. Sechs Schlüsselmomente im Leben der achtzigjährigen Protagonistin. Ein langes Frauenleben, geprägt von Sehnsucht, Schuld, Anpassung und unausgesprochenem Verlangen – und dennoch immer wieder durchzogen von Lichtpunkten. Ivy ist eine Frau, die Entscheidungen trifft, die innehält, die sucht – und die trotz aller Verluste nie ganz aufhört, das Licht zu sehen und zu hoffen. Sie findet es in der Trauer, in tragischen Momenten, in scheinbar festgefahrenen Lebensentwürfen. Und sie schafft es, Entscheidungen zu treffen, die uns aufhorchen lassen und uns zeigen, dass Glück oft von den eigenen Weichenstellungen abhängt – und dass wir Verantwortung für unser Leben tragen, selbst wenn äußere Umstände uns prägen und begrenzen.
Ich bin beeindruckt, wie es Megan Hunter gelingt, ein ganzes Frauenleben greifbar zu machen, obwohl sie nur exemplarisch von wenigen Tagen erzählt. „Tage des Lichts“ ist ein stilles, atmosphärisches und literarisch anspruchsvolles Werk über Sehnsucht, Mut und die Frage, wie wir in dunklen Zeiten unser eigenes Licht finden können.
Ein Buch für erfahrene Leserinnen und Leser, die Sprache lieben – und für alle, die Literatur schätzen, die mehr fühlen lässt, als sie erklärt.
Und natürlich für alle Virginia Woolf-Fans, denn die Parallelen zu ihr und dem künstlerischen Umfeld der Bloomsbury Group sind nicht zu leugnen.
„Tage des Lichts“ von Megan Hunter
C. H. Beck Verlag, ISBN: 978-3-84339-6, 304 Seiten