The Artist – Die Farben des Lichts von Lucy Steeds

Habe ich in diesem Jahr schon von meinem „Herzensbuch 2026“ gesprochen oder gesagt: „Das wird für alle Zeit eines meiner Lieblingsbücher bleiben!“? Dann müssen Sie mir verzeihen, dass ich mich wiederhole – aber das folgende Buch ist wirklich außergewöhnlich und hat beide „Titel“ mehr als verdient. Schon nach den ersten Seiten war für mich klar: Diese Geschichte bleibt.

Der Roman The Artist – Die Farben des Lichts von Lucy Steeds entfaltet bereits zu Beginn eine ganz eigene Sogwirkung. Dabei ist er keineswegs laut oder effekthascherisch, sondern entwickelt seine Kraft leise und farbintensiv – und gerade darin liegt seine Magie.

Wir befinden uns in der Provence der 1920er Jahre: Der exzentrische Maler Édouard Tartuffe lebt zurückgezogen mit seiner Nichte Ettie in einem abgelegenen Landhaus. Seit dem Tod ihrer Mutter kümmert sich Ettie um den Haushalt ihres Onkels und ordnet sich seinem Leben vollständig unter.

Als der junge Journalist Joseph die Chance erhält, den von ihm verehrten Künstler zu interviewen, reist er voller Erwartungen an. Doch das Interview hat seinen Preis: Joseph muss dem Maler Modell stehen. Was als berufliche Gelegenheit beginnt, entwickelt sich rasch zu einem vielschichtigen Geflecht aus Macht, Abhängigkeit und verborgenen Wahrheiten.

Im Zentrum steht dabei nicht allein der schillernde Künstler, sondern vor allem Ettie. Lange bleibt sie im Schatten, doch Schicht für Schicht offenbart sich ihre eigene Geschichte – sachte, eindringlich und zutiefst bewegend.

Besonders gelungen ist die Figurenkonstellation: Zwischen den Charakteren entfaltet sich ein intensives Wechselspiel aus Abhängigkeit, subtilen Gefühlen, Verantwortung und Macht. Nichts wirkt eindimensional, vieles bleibt unausgesprochen – und gewinnt gerade dadurch an Tiefe.

Auch inhaltlich überzeugt der Roman auf ganzer Linie. Es geht um Kunst und Wahrnehmung, um Selbstverwirklichung und um die Frage, wer gesehen wird – und wer unsichtbar bleibt. Die Darstellung von Etties Rolle innerhalb einer männlich dominierten Kunstwelt ist dabei besonders eindrucksvoll. Ihr innerer Konflikt, ihr verborgenes Talent und ihr stiller Widerstand machen sie zu einer der stärksten Figuren des Romans.

Die Erzählstruktur – mit wechselnden Perspektiven und Zeitebenen – steigert die Vielschichtigkeit zusätzlich. Nach und nach entsteht ein vollständiges Bild, und genau darin liegt der besondere Reiz dieser Geschichte.

Lucy Steeds’ Sprache ist sinnlich und bildhaft. Man spürt die Hitze der Sonne, riecht die Natur der Provence und sieht die Farben förmlich vor sich. Ihre poetische, aber nie überladene Erzählweise schafft eine intensive Nähe zu den Figuren und macht das Lesen zu einem beinahe sinnlichen Erlebnis.


Ein atmosphärischer, kluger und eindringlicher Roman für alle, die feine Zwischentöne, starke Figuren und eine dichte Sprache schätzen. The Artist – Die Farben des Lichts ist ein beeindruckendes Debüt über Kunst, Identität und Selbstermächtigung – und definitiv ein Buch, das lange nachhallt.

The Artist – Die Farben des Lichts von Lucy Steeds
dtv, ISBN: 978-3-423-28544-5, 384 Seiten