
Mit großer Feinfühligkeit und literarischer Ruhe erzählt Gisa Klönne von einer Ehe im Umbruch, von Krankheit als existenzieller Zäsur und von der leisen, oft schmerzhaften Suche nach sich selbst in der zweiten Lebenshälfte. Im Mittelpunkt steht Kora von Stein, Anfang sechzig, erfolgreiche Journalistin, glücklich verheiratet – scheinbar angekommen. Doch nach einer lebensrettenden Herzoperation findet Kora nicht mehr in ihr bisheriges Leben zurück. Ihr Körper hat sie im Stich gelassen, ihr Beruf ruht und endet schließlich in einem Aufhebungsvertrag. Zurück bleibt ein tiefes Gefühl der Fremdheit – gegenüber dem eigenen Alltag ebenso wie gegenüber ihrer Ehe.
Während ihr Mann Anselm, Biologe und frisch im Ruhestand, sich auf die gemeinsame Zeit freut und von einem Libellenteich im Garten träumt, spürt Kora vor allem Leere, Zweifel und eine kaum benennbare Sehnsucht nach einem anderen, früheren Ich. Sie flüchtet und begibt sich auf eine Reise zu prägenden Orten und Menschen ihrer Jugend – eine Reise in die eigene Vergangenheit. Wer war sie einmal? Welche Entscheidungen haben sie hierhergeführt? Und könnte sie heute jemand anderes sein? Diese Rückschau ist von Melancholie durchzogen, aber niemals von Selbstmitleid. Die Fragen, die Kora sich stellt, hallen auch lange bei der Leserschaft nach.
Sprachlich ist der Text leise, warm und von großer Genauigkeit. Klönne schreibt ohne Kitsch, dafür mit viel Empathie und psychologischem Gespür. Nähe und Distanz, Liebe und Entfremdung, Dankbarkeit fürs Überleben und Angst vor der Vergänglichkeit werden fein nuanciert und glaubwürdig ausgelotet.
Die zwei Erzählstränge – das gegenwärtige Ringen um Orientierung und die sogenannte „Orionzeit“ rund um Operation und Reha – ergänzen sich zu einem vielschichtigen Bild einer Frau am Wendepunkt. Es ist eine feinsinnige Seelenerkundung, die nicht nur vom Älterwerden als Paar erzählt, sondern auch von der Zumutung, das eigene Leben neu denken zu müssen.
Dieser Roman ist keine schnelle Lektüre. Er verlangt Zeit, Ruhe und die Bereitschaft, sich auf innere Prozesse einzulassen. Meiner Meinung nach ist „Liebe, später“ weit mehr als ein Unterhaltungsroman. Er stellt große, existenzielle Fragen:
Was wissen Liebende wirklich voneinander?
Was erzählen wir – und was verschweigen wir über Jahre hinweg?
Reicht Liebe allein aus, um gemeinsam alt zu werden, wenn sich einer von beiden grundlegend verändert?
Der Roman zeigt auf sehr hoffnungsvoll und kluge Art und Weise, dass man sich selbst und einander neu begegnen kann.
„Die Liebe, später“ von Gisa Klönne
Rowohlt Verlag, ISBN: 978-3-463-00075-6, 320 Seiten