
Marco Balzanos Roman „Bambino“ ist eine eindringliche und verstörende Tätergeschichte, die sich bewusst jeder emotionalen Überhöhung entzieht. In einem nüchternen, fast protokollarischen Ton schildert Balzano den Lebensweg des Protagonisten Mattia, genannt „Bambino“, und zeichnet dabei das Porträt eines zutiefst gekränkten jungen Mannes, der in Gewalt und Ideologie eine vermeintliche Antwort auf seine innere Leere findet.
Schon früh wird deutlich, dass Mattias Leben von einem fundamentalen Verlust geprägt ist: Kurz vor ihrem Tod eröffnet ihm seine Mutter, dass sie nicht seine leibliche Mutter ist. Die Verweigerung des Vaters, ihm die Wahrheit über seine Herkunft zu sagen, wirkt wie ein Katalysator für Mattias wachsende Wut und Entfremdung. Er erscheint emotional abgestumpft und unfähig zu echter Bindung.
Balzano zeigt eindrücklich, wie aus dieser inneren Leere heraus eine Radikalisierung entsteht. In den 1920er-Jahren streift Mattia zunächst als gewalttätiger Einzelgänger durch Triest, bevor er schließlich Anschluss an die faschistischen Schwarzhemden findet. Die Bewegung bietet ihm genau das, was ihm fehlt: Zugehörigkeit, Anerkennung, ein Gefühl von Stärke und Männlichkeit. Seine Brutalität erschreckt dabei selbst seine Mitstreiter, was für die Leserschaft die Abgründe seiner Persönlichkeit noch unterstreicht. Der Aufstieg Mussolinis scheint ihn in seinem Weg zu bestätigen, und er zieht freiwillig in den Krieg gegen Griechenland. Doch Italien verliert an allen Fronten und Mattia kehrt desillusioniert nach Triest zurück.
Stilistisch besticht Bambino durch seine Kargheit. Die emotionslose Sprache verstärkt die Wirkung der geschilderten Gewalt und lässt den Text stellenweise wie einen Zeitzeugenbericht erscheinen. Kleine, eingestreute Vorausdeutungen erzeugen dabei eine unterschwellige Spannung, da von Beginn an klar ist, dass Mattias Geschichte kein gutes Ende nehmen wird.
Balzano gelingt es, einen Antihelden zu erschaffen, mit dem man sich nicht identifizieren möchte – und gerade darin liegt die Stärke des Romans. „Bambino“ ist keine Rechtfertigung, sondern schildert schonungslos, warum Menschen sich unmenschlichen Ideologien anschließen. Die Antwort, die der Roman nahelegt, ist ebenso unbequem wie aktuell: Es sind oft Kränkung, Orientierungslosigkeit und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, die den Nährboden für Radikalisierung bilden.
Damit ist „Bambino“ nicht nur ein historischer Roman über den italienischen Faschismus, sondern auch ein hochaktuelles Werk. In einer Zeit, in der autoritäre Denkmuster und Gewaltbereitschaft wieder an Sichtbarkeit gewinnen, wirkt Balzanos Geschichte wie eine eindringliche Warnung – und als leiser, aber nachhaltiger Appell an die Sehnsucht nach Frieden.
„Bambino“ von Marco Balzano
Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-07352-2, 256 Seiten