
Vorneweg: Ich habe dieses Buch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Es hat mich von der ersten Seite an gefesselt und nicht mehr losgelassen.
Inhaltlich lässt sich der Roman knapp zusammenfassen: Ein Mann aus sozial schwachen Verhältnissen arbeitet sich nach oben, erlangt materiellen Wohlstand – und verliert schließlich alles. Doch Szalay erzählt diese klassische Aufstieg-und-Fall-Geschichte ohne Pathos oder moralischen Zeigefinger. Stattdessen entsteht ein nüchternes, beinahe kaltes Porträt eines Lebens, das vor allem von äußeren Umständen geprägt wird und in dem innere Orientierung weitgehend fehlt.
Wir begleiten den Protagonisten István durch entscheidende Stationen seines Lebens. Von außen betrachten wir ihn und folgen ihm durch prägende Phasen seines Erwachsenwerdens und Erwachsenseins. Auffällig – und stellenweise verstörend – ist, dass diese Schlüsselmomente fast immer mit sexuellen Erfahrungen und Bindungen verknüpft sind. Es sind Beziehungen, die weniger von Nähe oder Intimität geprägt sind als von Macht, Abhängigkeit und Orientierungslosigkeit.
Besonders spannend empfinde ich Szalays Erzählweise: Nie schildert er explizit die Gefühle seines Protagonisten. István handelt, trifft Entscheidungen, reagiert auf Situationen. Manchmal erhalten wir Einblick in seine Gedanken, doch seine Emotionen bleiben konsequent ausgespart. Gerade dieses Fehlen schafft Distanz – und zwingt mich als Leserin dazu, selbst zu deuten, zu urteilen und die zahlreichen Leerstellen zu füllen.
Ein weiterer wirkungsvoller literarischer Kniff besteht darin, dass wirklich einschneidende Ereignisse nur rückblickend und beinahe beiläufig erwähnt werden. Eine Gefängnisstrafe wegen Mordes oder traumatische Erfahrungen im Irakkrieg werden nicht ausformuliert, sondern lediglich als Tatsache benannt. Diese Reduktion verstärkt die Wirkung enorm, denn das Ungesagte wiegt schwerer als jede ausführliche Schilderung.
Was nicht gesagt werden kann ist ein stiller, eindringlicher Roman. Mehrfach war ich erschrocken von der nüchternen, ehrlichen und direkten Erzählweise sowie vom konsequenten Aussparen der Emotionen. Doch gerade dadurch wirkt die Geschichte lange nach und zeigt eindrucksvoll, wie viel literarische Kraft im Weglassen liegen kann. Der Roman ist dabei keineswegs kompliziert oder sperrig: Szalay schreibt in kurzen, klaren Sätzen, präzise und ohne sprachliche Umwege.
Ich bin sehr beeindruckt von diesem Buch und empfehle es gerne weiter – weise jedoch vorsichtshalber darauf hin, dass Sexualität eine zentrale und durchgehende Rolle in diesem Roman spielt.
„Was nicht gesagt werden kann“ von David Szalay
Claassen Verlag, ISBN 9783546101509, 384 Seiten